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18.11.2021

Volkstrauertag 2021

Gemeinsam mit Vertretern der Kirche und verschiedener Institutionen/Organisationen gedachte Bürgermeister Florian Eiben am Volkstrauertag den Opfern aller Kriege.

Rede zum Volkstrauertag 2021 von Bürgermeister Florian Eiben 

Das Gedenken an die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts und ihre zahllosen Opfer ist in Europa zur Tradition geworden, mehr noch, zu einer humanitären Verpflichtung, der wir uns nicht entziehen dürfen.

Es handelt sich nicht um leere Rituale, die in Sonntagsreden abgefeiert werden, sondern um einen integralen Bestandteil unseres Lebens, unseres Seins, denn erst das gelebte Bekenntnis zur Vergangenheit macht uns zu dem, was wir sind. Das gilt auch und vor allem für die dunklen Seiten der Geschichte.
Wir können sie nicht abstreifen und vergessen oder gar verdrängen - das würde bedeuten, unsere eigenen Wurzeln abzuschneiden. Es gibt in Europa zahllose Stätten, die an die Grausamkeit und Zerstörungen der Kriege erinnern, an blutige Schlachten, aber auch an den Holocaust und die Verbrechen an Kriegsgefangenen und Angehörigen von Minderheiten. Viele dieser Erinnerungsorte sind längst aus unseren Blicken geschwunden, sie sind gleichsam versunken in scheinbar unschuldigen Landschaften wie Ruinen vergangener Zeiten. Sie wurden überwuchert von Gras, Büschen und Bäumen. Oft sollten diese Örtlichkeiten ganz bewusst zum Verschwinden gebracht werden, indem Wälder über ihnen gepflanzt oder Straßen und Siedlungen errichtet wurden, um die Spuren der Massaker zu verdecken. Nicht gedacht werden sollte der Ermordeten, der Juden, Sinti und Roma, der Widerstandskämpfer und der zahlreichen anderen Opfer, sie sollten anonym und gesichtslos aus der Erinnerung getilgt werden.

Umso wichtiger ist es, in Gedenkfeiern nicht nur an die gefallenen Soldaten der ehemaligen Kriegsgegner zu erinnern, sondern auch an die Menschen, die jahrelang an den Rand gedrängt und verschwiegen wurden. Wir müssen die Topografie des Terrors noch genauer als bisher in den Blick nehmen, die zahllosen Konzentrations- und Vernichtungslager sowie das Gulag-System, die weite Teile Europas, von Sibirien bis in unsere Lande, wie ein dichtes Netzwerk des Schreckens überziehen. Natürlich gilt unser Gedenken auch den Soldaten der unterschiedlichen Kriegsparteien, ohne Ansehen ihrer Herkunft, denn auch sie haben unsäglich gelitten, wurden gequält und in den Tod getrieben. Wenn wir vor den Gräbern stehen, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen den Nationalitäten und Uniformen, sie wurden alle zu Opfern des Krieges, egal ob Russen, Deutsche, Österreicher, Polen oder Franzosen, wobei das nicht bedeutet, dass wir die besondere Verantwortung und Schuld vergessen dürfen, die gerade Deutschland auf sich geladen hat, nicht zu vergessen die Österreicher, die in deutschen Uniformen dem verbrecherischen Hitlerregime oft nur zu willig gedient haben. In diesem Zusammenhang müssen wir auch jener Menschen gedenken, die heldenhaft Widerstand geleistet und dafür mit ihrem Leben bezahlt haben. Sie wurden viel zu lang verschwiegen. Alles das machte und macht das schmutzige Gesicht des Krieges aus. Dieses hat nichts Edles und Heroisches an sich, wie Hurrapatrioten und Kriegstreiber aller Schattierungen gern behaup-ten. Es gibt keinen Grund, den Krieg zu verherrlichen. Das gilt für die beiden großen Kriege ebenso wie für die zahlreichen bewaffneten Auseinandersetzungen, die Europa bis heute erschüttern. Wir denken dabei an die Kriegshandlungen und Verbrechen auf dem Balkan in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, aber auch an spätere blutige Aggressionen, wie etwa die Annexion der ukrainischen Krim durch Russland.

Die Wurzeln dieser Katastrophen und Krisen sind in den meisten Fällen in der Vergangenheit zu suchen, in Konflikten, die nach außen hin vielleicht beigelegt wurden, doch innerlich vor sich hin schwären, bis sie plötzlich wieder aufbrechen in Hass und Gewalt. Das bedeutet, dass wir uns immer aufs Neue mit der Geschichte und ihren düstersten Kapiteln beschäftigen und das Gespräch mit unseren Nachbarn suchen müssen, die vielleicht gestern noch in der offiziellen Sprache der Regime als Gegner, ja Feinde bezeichnet wurden. Die Sprache der Verachtung und des Hasses, der Abgrenzung gegenüber dem Anderen ist trotz aller schlimmer Erfahrungen mit dem Krieg und seinen Folgen keineswegs für immer verstummt, im Gegenteil, sie scheint gerade heute erneut an Über-zeugungskraft zu gewinnen, wie ein Blick auf die politische Landkarte Europas zeigt.

Wir erleben europaweit ein Erstarken jener verhängnisvollen Ideologien und Propagandamuster, die vor einem Dreivierteljahrhundert den Kontinent beinahe in den Abgrund gerissen haben. Es ist besorgniserregend, dass wir aus den Katastrophen der Vergangenheit offenbar so wenig gelernt haben. Das dürfen wir nicht achselzuckend hinnehmen, als handle es sich um ein bedeutungsloses Versehen. So ist nun einmal der Gang der Dinge, die Zeiten ändern sich, heißt es dann.
Solche lahmen Erklärungen sind ein idealer Nährboden für die neuen radikalen Nationalismen, gepaart mit Fremden- und Demokratiefeindlichkeit, die uns solche Sorge bereiten. Dazu gehören die schamlosen Rückgriffe auf giftige Strömungen der Vergangenheit, auf faschistische und neo-nazistische Gruppierungen und Parteien, die wütend alles bekämpfen, was nicht in ihr enges Weltbild passt:

Andersdenkende und Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe und auch sexueller Orientierung.
Diese Entwicklungen sind überall auf unserem Kontinent und weit darüber hinaus zu beobachten. In manchen Ländern, wie etwa in Ungarn und in Polen, haben sie sich bereits weitgehend durchgesetzt und prägen die offizielle Politik. Doch auch in scheinbar gefestigten Demokratien wie Schweden, Dänemark, den Niederlanden, Frankreich, Italien, aber auch Deutschland und Österreich, gehören nationalistische und rechtspopulistische Töne und Aktionen längst zum gängigen politischen Diskurs.
Dabei geht es immer auch um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dem Krieg, der einhergeht mit dem Außerkraftsetzen moralischer und zivilisatorischer Standards, was am Ende unausweichlich in die Barbarei mündet.

Wir dürfen nicht müde werden, auf diese Tatsache hinzuweisen, die heute nur zu oft kleingeredet oder sogar geleugnet wird. Kämpfen wir tatsächlich gegen Windmühlen? Manchmal könnte man das fast meinen. Doch Pessimismus und Resignation sind keine guten Ratgeber. Wir dürfen nicht verzagen und müssen alle unsere Kräfte aufbieten, um uns dem Vergessen und Verdrängen entgegenzustemmen und auf diese Weise die liberale Demokratie vor Schaden zu bewahren. Wenn wir an den Krieg denken, dann haben wir immer auch die Demokratie vor Augen. Denn sie ist der wichtigste Schutz gegen solche Entwicklungen, und sie gehört, folgerichtig, auch zu den ersten Opfern autoritärer Machtansprüche. In einer funktionierenden Demokratie können sich diese aber nie durchsetzen.

Unser Gedenken an den Krieg und seine Opfer ist also stets verbunden mit dem Kampf um die Demokratie. Die Vergangenheit hat uns gelehrt, wie schnell es geht, die Demokratie für obsolet zu erklären und am Ende ganz abzuschaffen. Das dürfen wir nicht zulassen, dagegen müssen wir uns mit allen Mitteln wehren, wenn wir uns die Freiheit bewahren wollen. Gedenken spielt dabei eine wichtige Rolle, denn es schärft unseren Blick und unsere Sinne, es ist ein Warnruf, ein immer neuer Anstoß, uns der Vergangenheit zu stellen und sie lebendig zu halten. Das sind wir den Opfern schuldig, aber auch uns selber und unseren Nachkommen, die im wachen Wissen um die Geschichte aufwachsen mögen.

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